Geschichte einer Liebe
Tante Hertha und ich
Text: Claudia Markert Bild: Imago
In die zweite Bundesliga abzusteigen, gilt bei Hertha BSC als Super-GAU. Dabei kommt es auf die Spielklasse gar nicht an. Die Geschichte einer unerschütterlichen Liebe zum blau-weißen
Haupstadtverein.
Am 13. August 1961, als Hertha in West-Berlin eingemauert wurde, war ich noch nicht geboren. Für meinen Vater, einen von Lokalpatriotismus nur so strotzenden Franken, gab es derweil etwas zu
feiern: Der Club aus Nürnberg gewann die Deutsche Meisterschaft durch ein 3:0 im Endspiel gegen Borussia Dortmund. Die Geschichten über die glorreichen Zeiten des fränkischen Fußballs erzählte er
mir immer wieder, sehr ausführlich und zu jeder Gelegenheit – gerne auch ungefragt.
Von ihm lernte ich, dass es im Fußball nicht nur um die Liebe zum eigenen Verein geht, sondern vor allem gegen die anderen. Wurde ein Nürnberger Spieler gefoult, forderte er oft schon bei
kleineren Vergehen einen Platzverweis, umgekehrt sollte sich die Memme nicht so haben und schnell wieder aufstehen – ein Mann mit dem Selbstverständnis eines Intellektuellen, der samstags ab 18
Uhr vor der Sportschau saß und mit Ausdrücken wie »Scheiß-Bayern«, »Saupreußen« oder »Der Schiri ist ein Arschloch« nur so um sich warf. Hertha BSC war für ihn ein Betrügerverein:
Bilanzfälschungen, Zwangsabstieg, Bundesligaskandal und – da in Berlin und somit in der »Zone« beheimatet – mit größter Wahrscheinlichkeit vom Osten unterlaufen, um über den Umweg Fußball die
kommunistische Weltrevolution bis hinein ins heilige Frankenland zu exportieren.
Meine Mutter fand Fußball ziemlich bescheuert, weil sie als Frau angeblich die Abseitsregel sowieso nicht verstehen konnte. Allerdings kam sie vom Regen in die Traufe, als sie 1976 mit mir nach
West-Berlin zog, an den einzigen Ort, an dem sie sich vor den Nachstellungen meines Vaters sicher fühlte. Ihr zweiter Mann – mein Stiefvater Elmar – war nämlich ein noch viel größerer Fußballnarr
als ihr erster. Unsere Samstage gestalteten sich von nun an folgendermaßen: Ab 15.10 Uhr Radio-Live-Übertragung der Bundesligaspiele, 18 Uhr Sportschau, dazwischen Essensaufnahme und gegen 22 Uhr
das Aktuelle Sportstudio. Selbst die Urlaubsplanung war oft schwierig. »Mensch, so ein Mist, die Sommerferien liegen dieses Jahr aber blöd. Da hat ja die neue Saison schon angefangen.«
Ein Spitzenspiel: Die Betriebself der BVG gegen die BSR
Elmars Vater Egon, für mich immer Onkel Egon, war ein waschechter Herthaner, der kein Heimspiel verpasste. Er erzählte schöne Geschichten, etwa wie er erst am nächsten Tag erfahren hatte, dass
Hertha 1931 Deutscher Meister geworden war, weil sie zu Hause noch kein Radio hatten. Pünktlich zur Bundesligagründung im Jahre 1963 war Hertha dann Meister der Stadtliga geworden, hatte Tasmania
1900 und Tennis Borussia abgehängt und durfte als Berliner Vertreter im Oberhaus mitspielen.
Jedes Wochenende ging mein Onkel Egon ins Stadion, und hätte er nicht im Zweiten Weltkrieg ein Bein verloren und wäre nicht so schlecht »zu Fuß«, er würde auch heute mit seinen fast 90 Jahren
immer noch mitkommen. Er war nicht so ein cholerischer Sportschau-Glotzer wie mein Vater, sondern ein echter Fußballstratege.
Jeden Montag kaufte er sich gleich morgens die »Fußballwoche«, die Stammpostille aller Berliner Fußballinteressierten, deren Käuferkreis sich neben Hertha-Fans vor allem aus Vereinsmitgliedern
unterklassiger Klubs und notorischen Tabellenarithmetikern wie Egon rekrutiert. Die komplette Woche saß er über das ausführliche Spielberichts- und Tabellenmaterial gebeugt, rechnete Punkte
zusammen und stellte schon mal seine Mannschaft für das nächste Spiel auf. Egon verfolgte den Berliner Fußball bis in die unterste Liga. Selbst die Rubrik »Sport im Betrieb« war für ihn ein
echtes Highlight: »Stellt euch vor, morgen gibt es ein wahres Spitzenspiel: die Betriebsmannschaft der BVG spielt gegen die BSR!«
»Ha Ho He, Hertha BSC!« – der Zug wackelte und vibrierte.
Als wir den Spätsommer 1977 in unserer Laube auf Eiswerder verbrachten, sagte meine Mutter: »Egon, ich glaub’, die Claudia langweilt sich. Nimm sie doch mal mit ins Stadion!« Das große Abenteuer
begann am U-Bahnhof Zoologischer Garten. Der Zug füllte sich mit blau-weißen Fans und es wurde immer lauter: »Ha Ho He, Hertha BSC!« – der Zug wackelte und vibrierte. Am U-Bahnhof Olympiastadion
angekommen, schwammen wir in der Masse Richtung Stadion. In der Straßenunterführung waren die Schlachtrufe ohrenbetäubend, solche akustischen Phänomene kannte ich bis dahin noch nicht. Weiter
ging es durch ein kleines Waldstück, und dann lugte um die Ecke schon das Olympiastadion. Das weite Rund, die Größe des Platzes und die olympischen Ringe überwältigten mich, das kleine Mädchen
aus der Provinz. Ein Besuch auf dem Mond hätte nicht aufregender sein können.
Es folgte ein schier endloser Gänsemarsch in Richtung Einlassbereich. Onkel Egon hielt mich fest an der Hand und mahnte: »Claudia, schön hier bleiben, nicht wegrennen.«
Mir wäre im Traum nicht eingefallen, mich auch nur ein paar Zentimeter von ihm zu entfernen, denn das hier war eine völlig andere Situation als im Schwimmbad, wo man sich zu einem Bademeister
flüchten konnte. Damals in den siebziger Jahren hatten die meisten Besucher ein Sitzkissen dabei, denn es gab im Stadion noch keine Plastikschalensitze, sondern man saß direkt auf den
Steintreppen. Um eine drohende Blasenentzündung zu vermeiden, bekam auch ich eins. Es wurde mit einer Schnur zusammengebunden und ließ sich wie eine kleine Handtasche tragen. Mein Kissen war
nicht blau-weiß, sondern dunkelgrün und mit »Pril-Blümchen« bedruckt. Ein echtes Kleinod meiner Kindheit, das ich damals mit der rechten Hand umklammerte und mich mit der linken an Egon
festhielt, bis wir im Stadion waren. Weiter ging es durch das Gedränge hinein.
Kaum waren wir an unserem Platz angekommen und hatten die Sitzkissen aufgeschnürt, sprangen auch schon alle wieder auf. Das Lied »Blau-weiße Hertha, du bist unser Sportverein« schallte aus den
Lautsprechern. Um mich herum wurde fröhlich mitgesungen. Auch Egon bewegte zart die Lippen. Die Fahnen flatterten und etliche Fanschals wurden geschwungen. Der Stadionsprecher verkündete die
Mannschaftsaufstellung und alle schrien die Namen mit. Ich war schwer beeindruckt. Im Stadion hatten sich die Massen dann doch ganz gut verteilt, es mussten etwa 30.000 Zuschauer da gewesen sein
– bei einer Kapazität von damals 86.000 –, doch um mich herum war es ziemlich voll.
Spielbeginn. Die ausschließlich männlichen Erwachsenen kommentierten jede Situation lautstark: »Ran da! Gib doch mal ab! Mein Gott, is’ der blöd! Attacke!!! Hau ihn um, der kann nüscht.« Egon
debattierte derweil angeregt mit seinem Nachbarn: »Er hätte lieber den Diefenbach von Anfang an bringen sollen. Ich würde jetzt endlich einen zusätzlichen Stürmer einwechseln. Warum stellt er
nicht das Mittelfeld um?« In der 43. Minute endlich das Tor für Hertha. Karl-Heinz Granitza traf gegen die Frankfurter Eintracht. Alle sprangen auf und lagen sich in den Armen, ich wurde von
Fremden förmlich erdrückt. In der Halbzeit entsprechend gute Stimmung: »Na Claudi, noch ein Eis und ‘ne Limo?«
Da musste ich nicht zweimal gefragt werden – Fußball begann mir immer besser zu gefallen. Die zweite Halbzeit verlief ähnlich wie die erste. Dieter Nüssing besiegelte den Sieg für die Hertha. Mit
leichten Bauchschmerzen ging es zurück in die Laubenkolonie. Dank des Sieges bekam ich auf dem Heimweg noch die eine oder andere Süßigkeit und Limonade (sonst gab’s bei uns immer nur »Berliner
Perle« aus dem Wasserhahn). Abends lag ich glücklich im Bett. In meinen Ohren hallte das »Ha Ho He« noch lange nach.
Nach diesem Erlebnis musste ich nicht mehr gefragt werden, ob ich mitkommen wollte. Ich begann, ein paar Kinder aus der Kolonie zu mobilisieren, und es bildete sich bald eine kleine Gruppe,
bestehend aus meinen Freunden und den älteren Herren um Egon, die sich samstags auf den Weg ins Stadion machte. Egon und seine Freunde analysierten die Spiele, wahrend wir Kinder durch das
Olympiastadion tobten. Dort konnten wir lautstark das riesige Gelände erobern. Wir entwickelten Spiele wie in entgegengesetzten Richtungen durchs Rondell zu rennen. Los ging’s am Block K. Wer als
erster dort wieder angekommen war, hatte gewonnen. Und noch etwas lernten wir: Gewann Hertha, war fast alles möglich. Ich platzierte Fragen wie »Darf ich morgen Tatort gucken?« oder »Darf ich
nächste Woche bei Sylvia schlafen?« bewusst auf den späten Samstagnachmittag. Verlor Hertha, hieß es, sich in sein Schicksal fügen und auf den nächsten Sieg warten. Bei einem Unentschieden kam es
auf die Resultate der Konkurrenz und den Tabellenstand an. So lernte ich nebenbei auch ein bisschen rechnen.
Halbfinale im UEFA-Cup 1979 gegen Belgrad
Mein Lieblingsspieler war, wie für viele Berliner Gören, Erich »Ete« Beer, auch bekannt als »Berliner Beer«. Er spielte zum Zeitpunkt meiner Geburt noch für den 1. FC Nürnberg, ging aber später
nach West-Berlin, wo er sich zur Hertha-Legende entwickelte. Mit ihm wurde der Verein in der Saison 1974/75 Vizemeister, 1970/71 und 1977/78 sprang immerhin der 3. Platz heraus. Zum Ende meines
ersten Fußballjahrzehnts versank Hertha im Mittelmaß der Bundesliga. Noch gab es jedoch Lichtblicke: 1977 und 1979 wurde das Finale im DFB-Pokal erreicht und auch international gab es einen
großen Auftritt: das Halbfinale im UEFA-Cup 1979 gegen Roter Stern Belgrad, bei dem uns nur diese blöde Auswärtstorregel stoppen konnte. Leider wurde ich von meiner Mutter für zu jung befunden,
um bei diesem denkwürdigen Unter-der-Woche-Flutlichtspiel dabei sein zu können.
Große Highlights waren natürlich auch die Berliner Derbys gegen Tennis Borussia. Wie leicht ging uns doch der eingängige und kesse Reim »TeBe, TeBe, die Scheiße von der Spree!« über die Lippen!
Im Mai 1980 versetzte der Einsturz der Kongresshalle, besser bekannt als »Schwangere Auster«, die Stadt in helle Aufregung.
Nur zehn Tage später stürzte Hertha ab. Die Saison war nervenaufreibend gewesen. Bis zum letzten Spieltag hatten wir gehofft, gerechnet, gezittert und ab und an sogar gebetet. Wir mussten
schreckliche Niederlagen wie eine 0:6-Klatsche gegen den HSV und eine 0:4-Packung gegen Fortuna Düsseldorf –einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf – wegstecken. Im letzten Spiel gegen
Stuttgart kämpfte die Mannschaft wacker und eroberte in diesen 90 Minuten einmal mehr mein Herz, umsonst jedoch, da es nach Spielende zerbrach, es fehlten zwei Tore, um die punktgleichen
Uerdinger noch vom 15. Tabellenplatz zu verdrängen. Egon schwieg, und ich weinte bitterlich.
In der folgenden Sommerpause fand die EM in Italien statt, und ich wurde bald zunehmend in die analytischen Gespräche der Erwachsenen mit einbezogen. So ging ich mit erheblich mehr Fachwissen in
die neue Saison, da mir taktische Spielzüge nicht länger fremd waren. Egon genoss mein erwachtes Interesse an der Fußball-Wissenschaft und erklärte mir erfreut alle wichtigen Begriffe wie
Manndeckung und Raumdeckung, Vorwärts- und Rückwärtsbewegung, Konter, Libero und natürlich die Abseitsregel (mit erhobenem Zeigefinger): »Entscheidend ist der Moment der Ballabgabe!«
Solcherart Wissen ist äußerst wichtig, um ein anhaltendes Interesse am Fußball zu entwickeln. Es ermöglicht herrliche Diskussionen um eventuelle Fehlentscheidungen, die für nie enden wollenden
Gesprächsstoff sorgen. Hinzu kommt die Analyse der Einkaufspolitik und der Verletzungssorgen anderer, aber vor allem des eigenen Vereins.
Für Außenstehende ist es oft nicht nachvollziehbar, wie sich sonst scheinbar einander fremde Personen stundenlang über ein- und dasselbe Thema unterhalten können. Für die Beteiligten ist es
dagegen eine Art der Kommunikation, die sich jedes Mal wieder in unverbindliche Leere auflöst, denn daran, welchen Verein oder welchen Spieler man bevorzugt, ändern diese Smalltalks nichts.
2. Liga: Hertha-Heimspiele waren von nun an Regentage
In der ersten Zweitliga-Saison verpasste Hertha den Wiederaufstieg ähnlich knapp wie zuvor der Abstieg besiegelt worden war. Doch ein Jahr später klappte es. Nach einer ansehnlichen Spielzeit
landete Hertha in der Saison 1981/82 auf dem zweiten Platz und durfte sich wieder auf die »ganz großen Vereine« freuen. Der Sommer war gerettet. Allerdings sollten schon bald wieder dunkle Wolken
am blau-weißen Firmament aufziehen und schwere Zeiten für Egon und mich anbrechen, stellte sich doch schnell heraus, dass die Mannschaft in keiner Weise mehr bundesligatauglich war. Nach einem
entsetzlichen Jahr rutschte Hertha als Tabellenschlusslicht wieder eine Klasse tiefer. Grau in grau ging es weiter. Hertha-Heimspiele waren von nun an Regentage. Naturwissenschaftlich nicht zu
erklären, aber durch meine Erinnerung belegt.
Wenn es mal nicht in Strömen regnete, nieselte es oder war bitterkalt und windig. Wir waren nicht nur dem schlechten Spiel auf dem Platz, sondern auch dem Wetter schutzlos ausgeliefert, das
Stadion hatte noch keine Überdachung. Das freundlich blinzelnde Marmoroval aus meinen Kindheitstagen hatte sich in ein Menschen verschlingendes Monster aus der Nazizeit zurückverwandelt. In
diesem grauen Koloss verloren sich im Schnitt jetzt nur noch 4000 Zuschauer, und was die Sache noch schlimmer machte, war der Umstand, dass gerade die Unsympathischsten aller Fans weiterhin
kamen. Unser kleiner inoffizieller Fanklub begann, sich ein wenig aufzulösen. Egon musste mich mit gutem Zureden ins Stadion betteln: »Komm, wird schon wieder besser werden. In guten wie in
schlechten Zeiten!« Auch meine Mutter mischte sich ein: »Du kannst ihn doch jetzt nicht alleine gehen lassen.« Also marschierte ich weiter mit ins Stadion.
Mittlerweile war ich nach Kreuzberg umgezogen und verbrachte dort mehr und mehr Zeit in den besetzten Häusern unserer Straße. Ich toupierte mir die Haare und färbte sie bunt, war also eine kleine
Punkerin. Berührungsängste zur Hertha entwickelte ich wegen dieses Wandels erstmal nicht, eher war dies umgekehrt der Fall.
Sammelbecken der rechten Szene West-Berlins
Bereits in den 60er Jahren hatten sich die »Hertha-Frösche« gegründet. Diese Fans organisierten neben den obligatorischen Besuchen der Heimspiele regelmäßige gemeinsame Fahrten zu
Auswärtsspielen. Eine Welt, in der sich Freundschaften wie zum Karlsruher SC und Feindschaften wie zu Schalke 04 ausbilden konnten – vor allem als beide Mannschaften in der 2. Liga aufeinander
trafen, kam es immer wieder zu heftigen Schlägereien. Ihren Namen erhielten die ›Frösche‹ von einem Sportjournalisten, nachdem sie bei einem Spiel im Winter 90 Minuten lang in der Ostkurve
herumgehüpft waren, um sich warm zu halten. In den achtziger Jahren orientierten sie sich zunehmend an den Hooligans der englischen Profiliga und entwickelten sich zu einem Sammelbecken der
rechten Szene West-Berlins.
Die U-Bahn-Fahrt zum Stadion wurde zum Spießrutenlauf. Wir wurden mit bösen Blicken konfrontiert, ich wurde so manches Mal als »Zecke« beschimpft. Bomberjacken und Glatzköpfe hatten die mir
vertrauten langen Mähnen und Schlaghosen als bestimmende Mode abgelöst. Im Stadion hörte man hauptsächlich lautes rechtsradikales Gegröle, die spielerische Seite wurde so gut wie nicht mehr
beachtet. Egon maß dieser Entwicklung kaum Bedeutung zu, und die Vereinsoberen nahmen sowieso eine indifferente Haltung zu den Randale-Fans ein. In dieser Zeit waren zahlende Zuschauer wichtiger
als Bild- und Fernsehrechte, und so hütete man sich davor, sich diese paar Hohlköpfe durch Stellungnahmen gegen Gewalt und Rassismus, die heute längst zum guten Ton eines Profiklubs gehören, zu
vergraulen.
Was mich zusätzlich ärgerte, war, dass der Verein auch seine sportliche Talfahrt mit stoischer Gelassenheit hinzunehmen schien. Monate zog mich allein die Illusion, es könne ja nicht mehr
schlechter werden, ins Stadion. Einer meiner Negativ-Höhepunkte war 1985 ein extrem langweiliges 1:1 bei Nieselregen gegen einen so genannten VfR Bürstadt mit knapp 2000 Zuschauern. 1986
verabschiedete sich die »alte Dame« dann folgerichtig aus dem Profifußball und stieg mit ihrem alten Bekannten Tennis Borussia in die Amateurliga ab. Die Spiele fanden nun nicht mehr im
Olympiastadion statt, sondern im deutlich kleineren Poststadion im Niemandsland zwischen Moabit und Wedding. Dass ich dort überhaupt zweimal aufkreuzte, verdankte sich lediglich einer kurzen
Affäre mit einem dem Bier zugeneigten Rockabilly. Er hatte eine Stelle ausfindig gemacht, an der der Stacheldraht kaputt war, sodass man leicht über den Zaun steigen konnte.
Glatzen und Männer in Gestapo-Uniformen
Ohne sonderlich viel Notiz von den uns umgebenden Nazihorden zu nehmen, veranstaltete er mit einem Kumpel im Poststadion einen privaten Sonntagsfrühschoppen – eine Palette Hansa-Buchsen wurde als
erstes über den Zaun geschoben. Obwohl ich den Humor der beiden schätzte, hat sich die Dumpfheit dieser Veranstaltung insgesamt in meine Erinnerung gebrannt: Neben den gewohnten Glatzen nahm ich
nun auch Männer in Gestapo-Uniformen wahr, der Schlager »Marmor, Stein und Eisen bricht« wurde von der Mehrheit der Singenden mit einem kräftigen »Sieg heil!« beschlossen – nur eine Minderheit
von Kompromisslern ergänzte dazu im selben Rhythmus ein zartes »Schul-Theiss! Schul-Theiss! Schul-Theiss!«
Das war’s dann aber. Fortan schlug ich mir lieber die Nachte im »Linientreu« um die Ohren, besuchte Konzerte im Loft oder im Metropol, interessierte mich für Jungs, Mode und Politik.
Egon tigerte mit seinen älteren Herren weiterhin ins Poststadion. Er hatte viele Freunde bei Vereinen wie den Reinickendorfer Füchsen, SC Gatow oder TSV Rudow, die nun Herthas Gegner waren. Im
Grunde war er ganz zufrieden, da sich alles viel mehr an der Basis abspielte. Und er hielt mich immer auf dem Laufenden. Ich tröstete ihn, als Hertha nach der ersten Oberliga-Saison noch eine
Ehrenrunde drehen musste.
Die Mannschaft hatte zwar die 3. Liga dominiert, musste aber noch ein Relegationsspiel um den Aufstieg gegen den BVL Remscheid absolvieren. Ein Unentschieden hätte gereicht, doch tatsächlich
wurde eine 1:0-Führung am Ende noch mit 1:3 verspielt. Egon regte sich damals fürchterlich über diese Relegationsspielregel auf: »Die alte Dame hat einfach nichts in der 3. Liga zu suchen, das
ist Wettbewerbsverzerrung!« Ein Jahr später sollte es dann klappen. Hertha gewann das Relegationsspiel souverän mit 4:1 gegen Preußen Münster.
75.000 Zuschauern beim Zweitliga-Aufstiegsgipfel
Ich besuchte lange Zeit kein einziges Spiel mehr, blätterte aber gerne in der Berliner »Fußballwoche«, wenn ich bei Egon zu Besuch war. Und bis heute schlage ich immer als erstes den Sportteil
einer Zeitung auf, um Berichte über Hertha zu suchen. Die Liebe zu meinem Verein konnte ich allerdings nur sehr wenigen meiner Freunde vermitteln. Zumeist stieß ich auf großes Unverständnis:
»Ihh, was hast du denn mit diesen Faschos am Hut?« Erst nachdem 1996 Jürgen Röber die blau-weiße Gurkentruppe übernahm, entdeckte ich das Abenteuer Olympiastadion wieder, zumal mein Sohn nun
selbst im stadiontauglichen Alter war. Ganz fest hielt ich seine kleine Hand gedrückt und freute mich über sein Staunen. Ich begeisterte ihn für den Fußball, so wie schon Egon als kleiner Junge
von seinem Vater und ich von Egon begeistert worden war. Mit dem Wiederaufstieg 1997 kam dann auch der sportliche Erfolg als Garant für geteilte Glückseligkeit zurück. Die Atmosphäre stimmte
wieder, man denke an das mit 75.000 Zuschauern ausverkaufte Olympiastadion beim Zweitliga-Aufstiegsgipfel gegen den 1. FC Kaiserslautern. Und natürlich strahlte bei Heimspielen jetzt wieder die
Sonne. Frank Zander, die lebende Inkarnation einer knorken Currywurstbude, schaffte es, aus dem ausgedorrten »We are sailing« den Hertha-Hit »Nur nach Hause gehen wir nicht« zu formen. Optisch
brachte er zugleich wieder die Matte mit ins Spiel.
Oft habe ich mich gefragt, was es mit meiner Zuneigung zu Tante Hertha auf sich hat, warum ich ihr immer irgendwie die Stange gehalten habe, trotz all der verfilzten Chefsesselfurzer, der
zeitweise deutlich erkennbaren Neonazi-Strukturen und des harmloser wirkenden, aber umso weiter verbreiteten Lokalpatriotismus. Von außen betrachtet ist Fußball eine saublöde Angelegenheit: Die
Spieler erledigen mehr oder weniger leidenschaftlich ihren Job, und ein Großteil der Fans legt Ideale wie Ehre, Treue oder Erfolgsgehabe in die Waagschale. All dies teile ich wirklich nicht. Und
dennoch steht mir die alte Tante so nah wie eine leibhaftige Person, wie eine wirkliche Tante, die sich manches Mal daneben benommen, aber auch ihre guten Seiten hat.
Zu meiner Rechtfertigung kann ich höchstens anführen, dass der Vereinsfußball mit dem ganzen Drumherum einen hohen Unterhaltungswert hat. Ein Fußballspiel hat das Potenzial von einem guten
Rockkonzert: Es wird gesungen, geschrien, gelacht und gebangt. Manchmal. Oft ist es aber auch einfach nur langweilig. Dann aber entrückt man in eine Welt wunderbarer Monotonie. Beide Varianten
sind sehr intensiv. Und das Prickelnde ist, dass man vorher nie weiß, was kommt.
Asante Kotoko
Ein Traditionsklub aus Ghana
Verein: Asante Kotoko
Stadt: Kumasi, Ghana
Gründungsjahr: 1935
Offizielle Website: http://www.asantekotokofc.org/
Die Porcupine Warriors oder "Stachelschwein-Krieger", wie sie sich nennen, aus der zweitgrößten Stadt des Landes, haben sowohl national als auch in Afrika bislang große Erfolge
feiern können. Wie so viele andere Vereine aus der zweitwichtigsten Stadt eines Landes pflegt auch Asante Kotoko ganz besondere Beziehungen zu seinen Anhängern. Schließlich geht es darum, vereint gegen den ewigen
Rivalen aus der großen Landeshauptstadt anzutreten. Asante Kotokos Heimstätte befindet sich in Kumasi, der Heimat des alten Ashanti- oder Asante-Volkes. Der größte Rivale des Vereins ist der
Traditionsclub Hearts of Oak aus Accra. Während die größere Stadt an der Küste als modernes Zentrum Ghanas gilt, sind die Bewohner der Stadt im Norden stolz darauf, dass ihr Verein den
Erzrivalen, was die Zahl der nationalen wie auch der kontinentalen Titel angeht, hinter sich gelassen hat. Sie können sich sogar rühmen, die Nummer eins in Afrika zu sein, nachdem der
Internationale Verband für Fussball-Geschichte und -Statistik (IFFHS) sie im Jahr 2000 als Verein des Jahrhunderts auf dem afrikanischen Kontinent eingestuft hat. Auch wenn die afrikanische
Fussballkonföderation CAF den Klub in einer ähnlichen Rangliste nur auf drei gesetzt hat, hinter die ägyptischen Großvereine Al Ahly und Zamalek, kann man immer noch auf die Hearts of Oak
"herunterblicken", die nur auf Rang sieben liegen.
Die Geburtsstunde einer Institution
Die Geschichte von Asante Kotoko beginnt in der Kolonialzeit, als ein Bürger aus Kumasi
namens Kwasi Kumah in den frühen 1920er Jahren nach Accra ging, um dort als Fahrer für einen englischen Soldaten zu arbeiten. So bekam er Kontakt mit den Erfindern des Sports und zeigte sich
so beeindruckt von der Fussballszene in der Hauptstadt, dass er nach seiner Rückkehr 1924 in Kumasi einen eigenen Verein gründete. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang es diesem nach etwa
zehn Jahren, sich einen Namen zu machen. Damals sagte ein weiser Mann aus der Gegend voraus, dass große Dinge geschehen würden, wenn man den Namen des Vereins zu "Kotoko", dem Asante-Wort für
"Stachelschwein", Symbol ihres berühmten ehemaligen Königreichs, ändern würde. So nahm man 1935 offiziell den Vereinsnamen Kumasi Asante Kotoko FC an, und seitdem ist der Klub eng mit Kumasi oder "der Gartenstadt", wie sie auch genannt wird, und
ihren Einwohnern verbunden. Auf dem Vereinswappen findet sich seitdem ein bedrohlich aussehendes Stachelschwein und das Motto Kum apem a, apem beba, das übersetzt in etwa bedeutet:
"Wenn du 1.000 tötest kommen 1.000 neue".
Die Entstehung einer Legende
Als sich die nationale Liga Ghanas dann in den späten 1950er Jahren etabliert hatte, waren die Porcupine Warriors eine nationale Größe und holten bereits in der zweiten Saison den
ersten Titel. Die große Dominanz auf nationaler Ebene begann jedoch erst im nächsten Jahrzehnt, und es folgten die ersten Erfolge auf dem Kontinent. So erreichte man ab 1967 vier Mal in
sieben Jahren das Finale des afrikanischen Pokals der Landesmeister. Dabei hatte man viel Pech, denn nur einmal (1970) gelang es, die begehrte Trophäe zu holen.
1967 etwa spielte Asante in beiden Finalpartien gegen Zaires (heute DR Kongo) TP Englebert unentschieden. Damals gab es noch kein Elfmeterschießen und so trat das Team die Heimreise an, ohne
über ein entscheidendes drittes Spiel informiert worden zu sein. Am Ende erfuhr man zu spät davon und die Partie wurde, weil Asante Kotoko nicht angetreten war, für den Gegner gewertet. Vier Jahre später ging der Klub nach einer erfolgreichen
Revanche gegen Englebert als Titelverteidiger in ein weiteres Entscheidungsspiel, wo man jedoch Kameruns Canon Yaounde mit 0:1 unterlag, nachdem das Spiel früh wegen Zuschauerausschreitungen
abgebrochen worden war. 1973 schien der zweite Gewinn der Afrika-Krone nur noch eine Formsache, nachdem man sich zu Hause mit 4:2 gegen AS Vita Club durchgesetzt hatte, doch dann verlor
Asante das Rückspiel mit 0:3 und musste die Trophäe in Zaire lassen.
Nach weiteren Niederlagen in den Entscheidungsspielen von 1982 sowie 1993 im Elfmeterschießen, nach zwei torlosen Finalpartien gegen Zamalek, haftet dem Team aus Kumasi so etwas wie das Image
eines ewigen Zweiten an. Einer noch von keinem anderen Verein übertroffenen Zahl von fünf Niederlagen im wichtigsten Vereinswettbewerb des Kontinents sowie ähnlichen Niederlagen im CAF
Konföderationen-Pokal 2004 und im afrikanischen Pokal der Pokalsieger 2002 stehen lediglich der Sieg von 1970 und ein weiterer Triumph 1983 gegenüber. In jenem Jahr setzte Asante Kotoko sich gegen Al Ahly, das in diesem Wettbewerb erfolgreichste Team, durch und nahm
dabei Revanche für die ein Jahr zuvor erlittene Finalniederlage.
In Ghana hat der Klub die Meisterschaft über weite Strecken dominiert. So haben Asante Kotoko und Hearts of Oak 40 der 50 Titelgewinne im Lande unter sich ausgemacht, wobei
Asante zwei Meisterschaften mehr als der große Rivale gewonnen hat. Drei Mal gelangen drei Titelgewinne in Folge, und von 1980 bis 1983 holte man sogar vier Mal nacheinander die
Landesmeisterschaft.
Die Gegenwart
Angesichts seiner großen Geschichte hat Asante Kotoko zuletzt eher magere Jahre erlebt.
So landete man seit 1993 am Ende der Saison nur noch drei Mal ganz oben und feierte den letzten Titelgewinn 2008. Die Leistungen auf dem Kontinent waren noch enttäuschender, denn seit 2006
hat man die Gruppenphase der CAF Champions League nicht mehr erreicht. Anfang 2010/11 drohte dann der komplette Absturz, als der Klub mit sieben Niederlagen in Folge in die Saison startete.
Im Verlauf der Saison zeigte sich die alte Klasse des Vereins dann jedoch wieder, und man schloss die Spielzeit auf Rang zwei ab, drei Punkte vor dem Rivalen Hearts of Oak.
Das Stadion
Asante Kotoko spielt in Ghanas größter Arena, dem Baba Yara Stadium, das ein
Fassungsvermögen von gut 40.000 Zuschauern aufweist und damit das Ohene Djan Stadium der Hearts of Oak um 1.000 Plätze übertrifft. Die früher als Kumasi Sports Stadium bekannte Heimstätte des
Vereins wurde 1959 errichtet, gerade rechtzeitig für die ersten Erfolge des Vereins. Es wurde Ende der 1970er Jahre und dann wieder in den späten 2000er Jahren – für den CAF Afrikanischen
Nationen-Pokal 2008 – modernisiert. Das Stadion war darüber hinaus in den Jahren 1963, 1978 und 2000 Schauplatz von Spielen um die Afrika-Meisterschaft.
Die wichtigsten Erfolge*:
2 x CAF Champions League: 1970, 1983
21 x ghanaischer Meister: 1959, 1964, 1965, 1967, 1968, 1969, 1972, 1975, 1980, 1981, 1982, 1983, 1986, 1987, 1989, 1991, 1992, 1993, 2003, 2005, 2008
8 x ghanaischer Pokalsieger: 1958, 1960, 1976, 1978, 1984, 1990, 1998, 2001
Legendäre Spieler:
C.K. Gyamfi, Mohammed Salisu, Baba Yara, Osei Kofi, Robert Mensah, Ibrahim Sunday, Malik Jabir, Opoku Afriyie, Albert Asase, Kwesi Appiah, Samuel Opoku Nti, Addae Kyenkyehene, Papa Arko,
Frimpong Manso, Karim Abdul Razak, Frank Amankwah, Alex Nyarko
* Die hier aufgelisteten Titel sind die wichtigsten des Vereins und beinhalten nicht alle Erfolge des Klubs.
England: Ein Fan-Projekt schreibt Geschichte
Wunder, Wahnsinn, Wimbledon
Sie wurden beraubt, sie wurden belächelt, sie wurden belohnt: Die Fans des FC Wimbledon haben Geschichte geschrieben, nein, ein Märchen, eine Schnulze für Fußball-Romantiker. Ein paar Unentwegte
hatten ihren geliebten Klub vor neun Jahren kurzerhand neugegründet, nachdem der einfach aus London weggezogen war. Eine "Schnapsidee", wie sie heute selbst sagen - aber eine mit Happy-End: Am
Samstag stieg der AFC Wimbledon in den Profi-Fußball auf.
Entsteht da eine neue "Crazy Gang"? Der AFC Wimbledon feiert ausgelassen den Aufstieg in den Profi-Fußball.
Selbst die örtliche Zeitung war anfangs skeptisch. Dieses Projekt könne auf Dauer nicht überleben, war der Tenor in den "Wimbledon News", als sich eine Handvoll Wimbledon-Anhänger aus Wut und ein
wenig Verzweiflung ob der Situation um ihren einstigen Fußball-Fixstern an ein leicht wahnsinnig anmutendes Projekt machten: Sie gründeten den AFC Wimbledon, einen Verein von Fans für Fans, der
in der neunten englischen Liga erste Gehversuche unternahm. Und heute? Sind die "Wombles" zurück im Profi-Fußball - und die "Wimbledon News" längst pleitegegangen.
"Wimbledon hat endlich wieder den Status, der ihnen vor neun Jahren so schändlich gestohlen wurde", jubelte der AFC, nachdem das Märchen seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte. Im
Play-off-Finale gegen Luton Town entschied das dramatische Elfmeterschießen über den Aufstieg in die League Two, die vierthöchste Spielklasse in England. 6000 Wimbledon-Fans waren in Manchester
dabei, um mitzuerleben, wie das Wunder wahr wird. "Die Pubs haben geöffnet, bis ihr nicht mehr könnt - oder bis das Bier alle ist", versprach der Klub auf seiner Website.
Es war eine Erlösung nach fast exakt neun langen Jahren. Am 28. Mai 2002 hatte der FC Wimbledon den negativen Höhepunkt seines Finanz-Chaos' erreicht - der Verein zog aus London weg nach Milton
Keynes, einer rund 100 Kilometer entfernten und erst in den 1960er Jahren entstandenen Stadt. Nach 113 Jahren im Südwesten der britischen Hauptstadt war der Traditionsklub, den die legendäre
"Crazy Gang" 1988 noch zum FA Cup geführt hatte, plötzlich verschwunden, ausgelöscht, nicht mehr existent.
Torwart Seb Brown: Damals Demonstrant, heute Held
Zuvor hatte der FC schon elf Jahre lang als Untermieter beim Lokalrivalen Crystal Palace sein Dasein gefristet, weil das baufällige Stadion an der Plough Lane 1991 nicht mehr zu halten gewesen
war. Cardiff? Dublin? Milton Keynes? Die Fans - darunter der 21-jährige Seb Brown, der am Samstag gegen Luton zwei Elfmeter parierte - liefen Sturm, als durchsickerte, dass sogar eine neue
"Heimat" zur Debatte stehe. Vergeblich, die FA stimmte überraschend dem Umzug gen Norden zu. Was blieb? Erst stiller Protest - die 849 Zuschauer beim Zweitliga-Spiel gegen Rotherham Ende 2002
sind immer noch Minusrekord im Profi-Fußball; dann die "Schnapsidee" - man gründete den Verein neu.
„Genau darum ging es in Wimbledon immer: der Underdog zu sein und für alles zu kämpfen, was wir erreichen können.“Terry Brown,
Manager des AFC Wimbledon
Während der FC inzwischen als Milton Keynes Dons fern der Heimat ohne die ehemaligen Unterstützer kickte, machten sich die Fans an den Neuaufbau: Aus einem Probetraining mit 500 Interessenten
ging eine Mannschaft hervor, zum ersten Freundschaftsspiel kamen 4500 Zuschauer ins Stadion. Damals noch in Sutton, fand man bald im Kingsmeadow eine Bleibe, nicht weit vom Zentrum in Wimbledon
entfernt. Dort begann der unaufhaltsame Aufstieg. Mit dem Dons Trust an der Spitze, einer Non-Profit-Fan-Organisation, in der jeder AFC-Fan Mitglied werden kann, Mitbestimmungsrechte inklusive.
"Erst war es eine Schnapsidee", erzählt der erste Präsident Kris Stewart, "dann wollten wir uns das Spiel zurückholen." Es gelang: Fünf Aufstiege in neun Jahren - jetzt sind die "Wombles" den
alten Sphären wieder nah. "Vor neun Jahren hatte dieser Klub nichts", steht auf der AFC-Website: "Heute hat er 30 Mannschaften, ein eigenes Stadion, mehrere Fair-Play-Preise, fünf Aufstiege, eine
starke Verwurzelung in der Gesellschaft, finanzielle Stabilität - und jetzt auch Profistatus. Ist es nicht genau das, worum es im Fußball geht?"
Ein Brown herzt den anderen: Terry und Seb, Manager und Elfer-Killer.
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Erst Las Vegas, dann Milton Keynes?
Das Besondere: Strukturell hat sich seit 2002 nicht viel getan, immer noch sei es die "Fan-Power", durch die der Verein lebt, erklärt Manager Terry Brown: "35 Freiwillige kümmern sich um alles im
Klub-Umfeld. Wir kümmern uns um sie, sie um uns. Dieses Ethos wird sich auch in der neuen Liga nicht ändern, wo wir bei weitem die geringsten Lohnkosten haben werden. Aber genau darum ging es in
Wimbledon immer: der Underdog zu sein und für alles zu kämpfen, was wir erreichen können."
Da passt es, dass es im Sommer erst einmal ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten geht. Geschäftsführer Erik Samuelson hatte im Falle des Aufstiegs einen Trip nach Las Vegas versprochen. Und
dann? Der Traum vom nächsten Aufstieg wäre fast vermessen, wenngleich unendlich verlockend: In Liga drei sind schließlich die Milton Keynes Dons zuhause, das große Feindbild, die Diebe ihrer
Liebe - der Erzrivale? Nein, sagen sie in Wimbledon: Gar nicht existent.